Meine Italienische Reise
Zugegeben: den literaturhistorischen Bezug habe ich erst nachträglich konstruiert. Denn damals - im August des Jahres 1970 - hatte ich noch nicht an den Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe gedacht, als ich als 22-Jähriger eines Morgens vollkommen untrainiert und schlecht vorbereitet mit einem eher untauglichen Fahrrad zu meiner Italienischen Reise aufbrach.
Bereits vor Bregenz stellten sich bei mir erhebliche Erschöpfungsgefühle ein, die ich nur überwinden konnte, weil ich mir die Blamage eines frühen Aufgebens auf keinen Fall anhängen lassen wollte. Und danach ging es auch ziemlich problemlos über Dornbirn, Feldkirch, Liechtenstein und Chur in das hintere Rheintal. Thusis heißt der Ort, in dem ich mir in einem Kolpinghaus Unterkunft verschafft und wohl noch eine Suppe geleistet habe.
Meine TransAlp führt zu Don Camillo
Am zweiten Tag ging es durch die Via-Mala-Schlucht noch ziemlich mühelos hoch zur Walser-Siedlung Splügen, wo aber die Tortur begann. Denn verdammt heiß brannte die Sonne herunter, als ich mein beladenes Rad weitere 700 Höhenmeter zum Splügen-Pass hinaufschob. Doch noch vor dem Höhenscheitel zog sich der Himmel zu und ließ gar einen kurzen Schauer fallen. Wie gut, dass nur noch eine lange Abfahrt zu dem um 1800 Höhenmeter tiefer gelegenen Talboden des Comer Sees bevorstand! Falsch gedacht: denn mein nur mit kraftlosen Felgenbremsen ausgestatteter Halbrenner versagte mir seine Dienste, als eine Befestigungsplatte an der Rahmengabel abbrach und so die hintere Bremse ganz ausfiel. Mit einem Strick konnte ich nur noch Schutzblech und Gepäckträger notdürftig hochbinden. An eine Abfahrt auf der engen und steilen Kurvenstrecke war also nicht mehr zu denken.
Aber auch diese Situation ließ sich bis zum Abend überstehen. Wie gerufen stand am Weg zwischen Chiavenna und dem Comer See ein Stadel, in dem ich mich ausgehungert und todmüde zur Ruhe legen wollte. Doch ein Schwarm aggressiver Mücken zwang mich, überstürzt wieder zusammenzupacken und im nächsten Dorf irgendeine Unterkunft zu suchen. Ich wundere mich heute immer noch über meine damalige Courage, denn ich läutete tatsächlich im Pfarrhof. Keineswegs begeistert zeigte sich der Gottesmann – nicht wirklich von der unkomplizierten und zupackenden Art eines Don Camillo –, als ich ihm meinen Wunsch darlegte, irgendwo im Pfarrhof auf dem Boden schlafen zu dürfen. Aber ganz abweisen wollte oder durfte er mich offensichtlich auch nicht. Zwar nicht im geräumigen Pfarrhof, wohl aber in einer Abstellkammer neben der Sakristei durfte ich meinen Schlafsack am Boden ausrollen. Hier störten keine Mücken den verdienten Schlaf, und auch keine von diesen ominösen armen Kirchenmäusen wagte es, an meinen Füßen zu knabbern.
Nicht jede Protektion ist hilfreich
Am dritten Tag konnte mir vor Bérgamo ein Dorfschmied die wichtige Befestigungsplatte wieder anschweißen. Am Abend versuchte ich dann in Bréscia erstmals mein Glück mit einer Adressenliste vermeintlich wohlwollender Bekannter unseres Schuldirektors. Ich sollte mich nur als uno studente tedesco di Baviera vorstellen und das Zauberwort Dottore Baum hinzufügen, um wie selbstverständlich Nachtmahl und Unterkunft angeboten zu bekommen. In Bréscia, wie übrigens auch in fast allen folgenden Orten, hatte man jedoch die gute Bekanntschaft zu einem Dottore Baum offensichtlich schon längst vergessen (oder nur geleugnet?). Jedenfalls bekam ich beim hoffnungsvoll angesteuerten Kloster nur einen Gutschein ausgehändigt für eine Unterkunft in einem kommunalen Obdachlosen-Asyl. Dort nahm man mir sofort mein Gepäck ab und händigte mir dafür Seife, Handtuch und wohl auch Bettwäsche aus. Noch ziemlich lebhaft erinnere ich mich an die Nacht im riesigen Schlafsaal, wo noch bis ziemlich spät immer wieder arg abschreckende Männergestalten eintrafen. Der Lärm und die Alkoholwolke, die sie um sich verbreiteten, förderten nicht gerade meinen Schlaf.
Nach der unspektakulären Durchquerung der Poebene quälten mich im Ostello per la gioventù von Parma wieder aggressive Mücken. Der Apenninen-Pass danach erreicht kaum mehr als 1000 Meter, dennoch macht er in der sommerlichen Hitze einem Radfahrer unerwartet zu schaffen. In Lérici stand ich dann erstmals vor dem Mittelmeer. Dort nutzte ich die Ruinen einer Burg als mein Nachtquartier.
Die sechste Etappe entlang der flachen Küste von Carrara und Massa bis Pisa wäre eigentlich recht erholsam gewesen, wenn sich damals nicht schon der Schmerz in einem Knie so unangenehm bemerkbar gemacht hätte und eine gewisse Beunruhigung auslöste. Das nur heimlich erwogene Reiseziel Rom durfte ich daher getrost vergessen.
Vor einem Weltwunder stehen dürfen
Was Pisa echten Kunstkennern bietet und was es bildungsbürgerlichen Reisenden an Abhak-Genugtuung bereiten mag, konnte ich damals nicht klar beurteilen. Für mich, den Allgäuer Bauernbub ohne einen erlernten Bezug zur Architekturgeschichte, war es schlicht und einfach ein unwahrscheinlich schönes Gefühl, persönlich vor diesem schiefen Turm zu stehen und feststellen zu können, dass seine Geneigtheit nicht etwa mittels fotografischer Tricks auf jene Bilder gekommen war, die ich zuvor schon vielfach gesehen hatte. Meine erste reale Begegnung mit einem Weltwunder.
In der stolzen Metropole der Toskana war es dann höchste Zeit für eine vernünftige Unterkunft. Denn nicht nur mein angeschlagenes Knie bedurfte dringend der Erholung, auch der Darm verlangte nach aufmerksamer Pflege, hatte er doch schon seit mehreren Tagen jene Tätigkeit verweigert, die man täglich, gewöhnlich nach dem Frühstückskaffee, wie selbstverständlich von ihm erwartet. Mein erster Gang in Florenz führte daher in eine Farmacía, wo ich etwas tabuisierend mein Problem schilderte und schließlich auch eine Abhilfe ausgehändigt bekam, welches jedoch nicht schnell genug half. Also holte ich mir das nämliche Remedium auch noch aus einer anderen Apotheke. Dass dies dann wiederum des Guten zu viel war und ich für viele Stunden dringend auf die unmittelbare Nähe einer bestimmten Örtlichkeit angewiesen war, brauche ich hier nicht weiter zu erläutern. Die Santa Maria dei Fiori mit dem Battisterio, der Ponte vecchio und all die vielen anderen Sehenswürdigkeiten dieser ungewöhnlichen Stadt mussten noch ein bisschen warten.
Als nach drei Tagen das Wichtigste gesehen und Knie und Darm wieder zur Ruhe gekommen waren, trug mich der sportliche Ehrgeiz gar bis Ravenna, ins ehemalige Zentrum der Ostgoten, wobei eine Tagesleistung von gut 170 Kilometern inklusive einer Apenninen-Überquerung zustande kam.
Venezia - ganz anders erlebt
Die nur gut 150 km von Ravenna bis Venedig, zur Gänze in der großen Ebene von Po, Etsch und Brenta, wären sicher unproblematisch gewesen, hätte nicht ein steifer Gegenwind aus dem Norden so unheimlich gebremst. Dennoch schaffte ich es, radelte entsprechend stolz über die große Lagunen-Brücke und erkundigte mich dann nach jener Piazza, wo der Konvent der Suore tedesche beheimatet sein sollte – wieder so eine Adresse von Doktor Baum. Ganz hinten, am Ende der Lagunenstadt, erklärte man mir. Also schob ich das bepackte Rad durch die engen und vollen Gassen, trug es über viele Brücken und kam schließlich an besagtem Platz an, wo aber jene deutschen Schwestern nicht anzutreffen waren. Schließlich erinnerte sich ein älterer Handwerker, dass diese Schwestern schon viele Jahre zuvor von dort weggezogen seien und nun wohl in der Nähe der Anlagestelle zur Insel Giudecca untergebracht sein müssten, also genau am anderen Ende. Dort konnte ich die Schwestern tatsächlich ausfindig machen, und sie gewährten mir gegen Bezahlung auch Unterkunft. Sie hatten sich auch an jenen Doktor Baum erinnert, ließen aber erkennen, dass sich ihre Wertschätzung für ihn sehr in Grenzen hielt.
Über Padua, das mir schon seit frühester Kindheit als Wirkungsort des Heiligen Antonius sehr bekannt war, und Verona mit seiner Arena, gelangte ich nach Trient, wo ich Unterkunft in einer von einem offenriechlichen Alkoholiker geführten Jugendherberge fand.
Wenn es Richtung Heimat geht, ...
… beschleunigen sich gewöhnlich die Schritte. So ließ ich auf dem Weg in den Vinschgau Bozen einfach ungesehen rechts liegen. Nach Meran schob ich mein Rad an der Forst-Brauerei vorbei hinauf ins obere Etschtal. Dort kaufte ich mir am Wegrand eine größere Portion Klaräpfel und verschlang sie alle, was wohl keine gute Idee war. Aber die böse Wirkung setzte erst in der folgenden Nacht mit voller Wucht ein, in Burgeis, am Fuß des Reschenpasses, wo ich mir noch einmal ein richtiges Zimmer geleistet hatte. Allerdings sah ich mich einen Großteil der Nacht an eine Sitzschüssel in einem außerhalb des Zimmers liegenden Kleinraum gefesselt.
Ziemlich entkräftet begann ich am nächsten Tag den Anstieg zum Reschenpass, vorbei an einem von Mussolinis Ossari, die an diesen Alpenübergängen gegenüber den aus dem Norden anreisenden Barbari den mit hohem Blutzoll erworbenen Anspruch Italiens auf die heilige Grenze am Alpenhauptkamm unterstreichen. Ohne wirklich die Würde des Ortes missachten zu wollen, überkam mich genau in der Kurve um dieses Gebeine-Denkmal herum wieder ein dringendes Bedürfnis nach Entleerung, dem ich einfach nicht länger widerstehen konnte und nachgab. Mag mir die Repùbblica Italiana verzeihen.
Damit gab sich dann auch mein Körper wieder versöhnt, und er gewann wieder an Kraft, als der Reschenpass geschafft war und die Abfahrt ins obere Inntal und weiter bis Landeck anstand. Beschwerlich wurde es dann erst wieder auf der erneut ansteigenden Strecke dem Arlberg zu. Weil aber die nahe Heimat eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausübte, stellte ich jeglichen Ehrgeiz hintan und machte noch vor St. Anton auf Autostopp. Und es klappte, sogar besser als erwartet. Denn der Möbelwagen aus dem Ländle, in dem man sich meiner erbarmte, fuhr über den Arlberg bis weit ins Rheintal hinaus, fast bis Dornbirn. Somit war ich dann ja schon fast daheim, gemessen an der hinter mir liegenden Distanz. In Bregenz wäre allerdings die Plagerei noch einmal losgegangen, denn mehr als 400 Höhenmeter vom Bodensee ins obere Westallgäu hinauf lagen vor mir. Wenn man aber einmal das Schamgefühl übergangen hat, scheut man sich auch kein zweites Mal mehr, schon gar nicht dann, wenn sich der bequemere Weg geradezu aufdrängt. Fuhr doch vor mir auf der Bergstrecke gegen Langen ein Traktor mit Heu-Anhänger, von dem ich mich ein gutes Stück des Anstiegs hochziehen ließ.
So war ich knapp zwei Stunden später daheim, wo niemand auf die Idee kam, mich für meine Leistung zu bewundern oder mich hochleben zu lassen. Und es fragte auch niemand genauer nach, wie weit ich gekommen war und wie anstrengend die Tour für mich gewesen sei. Ich war halt für knapp drei Wochen in Italien gewesen und war nun wieder da, basta!
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Eine ausführlichere Beschreibung dieser und weiterer Radreisen findet ihr in meinem Buch "Herbststimmung - Erinnerungen und Gedanken eines Allgäuers" (ISBN 978-3-347-23227-3).


