Als Allgäuer im Freistaat Bayern
Ein Verhältnis mit Kratzern
Es gab während meines Aufwachsens in einem Westallgäuer Dorf nichts, was meine Loyalität zum Freistaat Bayern hätte
relativieren oder gar untergraben wollen. Der Begriff Bayern
war bei uns zu keiner Zeit negativ besetzt. Ganz
im Gegenteil: Nummernschilder mit AB
für Amerikanisch
Bayern trugen die
frühesten Autos, die ich erlebt habe. Damit verbunden war bereits
eine positiv eingeschätzte Zuordnung, weil innerhalb meiner
Heimatgemeinde damals die meisten Autobesitzer unter
französischem Besatzungsstatut standen.
Bayernvolk oder Bruderstamm
In der Volksschule wurde
bayerisches Heimatgefühl massiv an uns herangetragen. So lernten wir
im Gesangsunterricht auch selbstverständlich den Text beider Strophen der
Bayernhymne auswendig, die man gewöhnlich "Nationalhymne" nannte . Damals stellte ich mir natürlich noch nicht
die Frage, wie ich denn für mich die zweite Strophe interpretieren
solle, ob ich voll und ganz zum Bayernvolke
zähle oder ob ich mich doch eher einem der Bruderstämme zugehörig fühlen
solle. Vermutlich hat sich außer mir noch niemand an der mangelnden
Logik des Liedtextes gestört, welcher die fremdstämmigen
Bayern eindeutig ignoriert oder diskriminiert.
Die Rolle der Schulen
In meiner Erinnerung haften noch die damaligen Lehrbücher, besonders die Lesebücher, die
neben deutscher Vaterlandsliebe mindestens ebenso stark bayerischen
Patriotismus vermittelten. Wo der Inhalt in diesen Lesetexten lokales
Kolorit annahm, war er eindeutig altbayerisch und
ost-alpenländisch geprägt. Und wenn darin von der
Standardsprache abgewichen wurde, geschah dies fast ausschließlich
zugunsten des Bairischen. Ich wage hier einfach mal die Behauptung, dass es den heutigen Lehrmedien im Freistaat nach wie vor
an der gebotenen regionalen und regionalsprachlichen Ausgeglichenheit mangelt.
Eine konsequente Distanzierung vom bayerischen
Sprach-Zentralismus erlebte ich erstmals in der Berufsschule und später in der Land-
und Alpwirtschaftsschule in
Immenstadt. Dort legte man nämlich großen Wert darauf, dass es bei
uns im Allgäu keine Almen,
sondern nur Alpen
gebe. Diese Sprachregelung, die sich offensichtlich damals schon
gegen einen starken Trend wendete, hat in mir offensichtlich eine
Sensibilisierung bewirkt, sodass ich heutzutage, viele Jahrzehnte danach, Alm
immer noch als ein herausragendes Reizwort betrachte. Denn inzwischen
führe ich immer wieder diese fremden Almen
als Beispiel für die intensive sprachliche Bajuwarisierung im Allgäu und im übrigen Bayerisch-Schwaben an, welche die Betroffenen selbst kaum wahrnehmen und gegen die sie sich auch keinesfalls wehren.
Wie eine Kassandra
Ich selbst stecke nämlich – ob ich es will oder nicht – schon seit vielen Jahren in der Rolle einer
Kassandra, die beispielsweise mit ihren ständigen Hinweisen auf
bajuwarisch-folkloristische Speisekarten (Schmankerl,
Würstl, O'batzta, Haferl, Glasl, Stamperl)
oder auf Namen von Gasthäusern (Stüberl,
Stub'n, Häusl, Platzl) gerne Wirte nervt und immer wieder
Medienvertretern eine Mitschuld am Identitätsverlust im Allgäu und
im übrigen Schwaben anlastet. Allerdings blieb das weitgehend ohne
erkennbare Wirkung (vgl. dazu auch meinen Beitrag in www.im-allgaeu-daheim.de/allgaeuer-dialekt-1/).
Tiefe Kratzer mit Langzeitwirkung
Mein permanenter Widerstand
gegen die Überflutung aus Altbayern und gegen die gängige
Gleichsetzung von Bayern
mit Altbayern
hat mit der Zeit in mir auch eine Veränderung meiner Einstellung und
Sympathie bewirkt. Das früher so uneingeschränkt und unhinterfragt
positive Verhältnis zum Freistaat Bayern und zu allen Eigenschaften,
die sich mit Bayern in Verbindung bringen lassen, hat Kratzer
bekommen, tiefe Kratzer sogar. Hinzu kommt eine tiefe Abneigung gegen
das Mir-san-mir-Gehabe,
das sich offensichtlich mit der zunehmenden wirtschaftlichen
Prosperität verstärkt. Mir scheint, dass der früher im
Norden und Westen Deutschlands beheimatete Dünkel und die
Besserwisserei sich schon längst nach (Alt-)Bayern verlagert haben.
Deshalb distanziere ich mich auch nach Möglichkeit von diesem
Ungeist, so wie ich auch sehr darauf bedacht bin, auf
schablonenartige Äußerungen von Bayerntümelei (Weißwurst-Äquator)
zu verzichten. Auch der so halb-ernst von einem bayerischen Patrioten
als Pflichtübung abverlangten Beschimpfung der Preußen – wen auch
immer man damit meint und treffen will – verweigere ich mich schon
seit vielen Jahren.
Fazit: Heutzutage sehe ich mich zwar
immer noch als loyalen Bürger des Freistaates Bayern, dennoch bin
ich schon längst nicht mehr gewillt, zugunsten dieser
administrativen Loyalität meine alemannisch-schwäbische Identität
hintanzustellen. Leider muss ich jedoch vermuten, dass meine
Mitbürger im bayerischen Allgäu diese Einstellung mehrheitlich
nicht teilen, dass sie vielmehr primär auf ihre bayerische
Staatszugehörigkeit stolz sind und dies auch gerne
unmissverständlich kundtun. Viele von ihnen grenzen sich sogar
ostentativ von ihren stammverwandten schwäbischen Nachbarn im Westen
und Norden ab, womit sie, vermutlich unbewusst, ihre eigenen Wurzeln
verleugnen. Ein besonders schmerzlicher Tiefpunkt war für mich, als
ein von mir ansonsten
geschätzter Kabarettist aus dem Oberallgäu mit seinem Schwabenlied
regelrecht zur Jagd auf seine Stammesbrüder blies und dafür vom
betroffenen Publikum viel Applaus erntete. Solche Anzeichen von nicht
mehr erkanntem Identitätsverlust muss ich wohl oder übel zur
Kenntnis nehmen.
Mehr zu diesem komplexen Thema findest du in meinem Buch "Herbststimmung - Erinnerungen und Gedanken eines Allgäuers" (ISBN 978-3-347-23227-3)