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Oktober 25, 2023

Bayern - Heimatland?

Als Allgäuer im Freistaat Bayern

Ein Verhältnis mit Kratzern


Es gab während meines Aufwachsens in einem Westallgäuer Dorf nichts, was meine Loyalität zum Freistaat Bayern hätte relativieren oder gar untergraben wollen. Der Begriff Bayern war bei uns zu keiner Zeit negativ besetzt. Ganz im Gegenteil: Nummernschilder mit AB für Amerikanisch Bayern trugen die frühesten Autos, die ich erlebt habe. Damit verbunden war bereits eine positiv einge­schätzte Zuordnung, weil innerhalb meiner Heimatgemeinde damals die meisten Autobesitzer unter französischem Besatzungsstatut standen.


 Bayernvolk oder Bruderstamm

In der Volksschule wurde bayerisches Heimatgefühl massiv an uns herangetragen. So lernten wir im Gesangsunterricht auch selbstverständlich den Text beider Strophen der Bayernhymne auswendig, die man gewöhnlich "Nationalhymne" nannte . Damals stellte ich mir natürlich noch nicht die Frage, wie ich denn für mich die zweite Strophe interpretieren solle, ob ich voll und ganz zum Bayernvolke zähle oder ob ich mich doch eher einem der Bruderstämme zugehörig fühlen solle. Vermutlich hat sich außer mir noch niemand an der mangelnden Logik des Liedtextes gestört, welcher die fremdstämmigen Bayern eindeutig ignoriert oder diskriminiert. 

 

Die Rolle der Schulen


In meiner Erinnerung haften noch die damaligen Lehrbücher, besonders die Lesebücher, die neben deutscher Vaterlandsliebe mindestens ebenso stark bayerischen Patriotismus vermittelten. Wo der Inhalt in diesen Lesetexten lokales Kolorit annahm, war er eindeutig altbayerisch und ost-alpenländisch geprägt. Und wenn darin von der Standardsprache abgewichen wurde, geschah dies fast aus­schließlich zugunsten des Bairischen. Ich wage hier einfach mal die Behauptung, dass es den heutigen Lehrmedien im Freistaat nach wie vor an der gebotenen regionalen und regionalsprachlichen Ausgeglichenheit mangelt. 
Eine konsequente Distanzierung vom bayerischen Sprach-Zentralismus erlebte ich erstmals in der Berufsschule und später in der Land- und Alpwirtschaftsschule in Immenstadt. Dort legte man nämlich großen Wert darauf, dass es bei uns im Allgäu keine Almen, sondern nur Alpen gebe. Diese Sprachregelung, die sich offensichtlich damals schon gegen einen starken Trend wendete, hat in mir offensichtlich eine Sensibilisierung bewirkt, sodass ich heutzutage, viele Jahrzehnte danach, Alm immer noch als ein herausragendes Reizwort betrachte. Denn inzwischen führe ich immer wieder diese fremden Almen als Beispiel für die intensive sprachliche Bajuwarisierung im Allgäu und im übrigen Bayerisch-Schwaben an, welche die Betroffenen selbst kaum wahrnehmen und gegen die sie sich auch keinesfalls wehren. 

Wie eine Kassandra

 Ich selbst stecke nämlich – ob ich es will oder nicht – schon seit vielen Jahren in der Rolle einer Kassandra, die beispielsweise mit ihren ständigen Hinweisen auf bajuwarisch-folkloristische Speisekarten (Schmankerl, Würstl, O'batzta, Haferl, Glasl, Stamperl) oder auf Namen von Gasthäusern (Stüberl, Stub'n, Häusl, Platzl) gerne Wirte nervt und immer wieder Medienvertretern eine Mitschuld am Identitätsverlust im Allgäu und im übrigen Schwaben anlastet. Allerdings blieb das weitgehend ohne erkennbare Wirkung (vgl. dazu auch meinen Beitrag in  www.im-allgaeu-daheim.de/allgaeuer-dialekt-1/). 


Tiefe Kratzer mit Langzeitwirkung

 Mein permanenter Widerstand gegen die Überflutung aus Altbayern und gegen die gängige Gleichsetzung von Bayern mit Altbayern hat mit der Zeit in mir auch eine Veränderung meiner Einstellung und Sympathie bewirkt. Das früher so uneingeschränkt und unhinterfragt positive Verhältnis zum Freistaat Bayern und zu allen Eigenschaften, die sich mit Bayern in Verbindung bringen lassen, hat Kratzer bekommen, tiefe Kratzer sogar. Hinzu kommt eine tiefe Abneigung gegen das Mir-san-mir-Gehabe, das sich offensichtlich mit der zunehmenden wirtschaftlichen Prosperität verstärkt. Mir scheint, dass der früher im Norden und Westen Deutschlands beheimatete Dünkel und die Besserwisserei sich schon längst nach (Alt-)Bayern verlagert haben. Deshalb distanziere ich mich auch nach Möglichkeit von diesem Ungeist, so wie ich auch sehr darauf bedacht bin, auf schablonenartige Äußerungen von Bayerntümelei (Weißwurst-Äquator) zu verzichten. Auch der so halb-ernst von einem bayerischen Patrioten als Pflichtübung abverlangten Beschimpfung der Preußen – wen auch immer man damit meint und treffen will – verweigere ich mich schon seit vielen Jahren. 


Fazit: Heutzutage sehe ich mich zwar immer noch als loyalen Bürger des Freistaates Bayern, dennoch bin ich schon längst nicht mehr gewillt, zugunsten dieser administrativen Loyalität meine alemannisch-schwäbische Identität hintanzustellen. Leider muss ich jedoch vermuten, dass meine Mitbürger im bayerischen Allgäu diese Einstellung mehrheitlich nicht teilen, dass sie vielmehr primär auf ihre bayerische Staatszugehörigkeit stolz sind und dies auch gerne unmissverständlich kundtun. Viele von ihnen grenzen sich sogar ostentativ von ihren stammverwandten schwäbischen Nachbarn im Westen und Norden ab, womit sie, vermutlich unbewusst, ihre eigenen Wurzeln verleugnen. Ein besonders schmerzlicher Tiefpunkt war für mich, als ein von mir ansonsten geschätzter Kabarettist aus dem Oberallgäu mit seinem Schwabenlied regelrecht zur Jagd auf seine Stammesbrüder blies und dafür vom betroffenen Publikum viel Applaus erntete. Solche Anzeichen von nicht mehr erkanntem Identitätsverlust muss ich wohl oder übel zur Kenntnis nehmen. 

Mehr zu diesem komplexen Thema findest du in meinem Buch "Herbststimmung - Erinnerungen und Gedanken eines Allgäuers" (ISBN  978-3-347-23227-3)