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Oktober 29, 2023

Dialekte im Allgäu

Gibt es den Allgäuer Dialekt überhaupt?

Auch wenn alle über ihn reden und Zeitungen und andere Medien immer wieder über ihn berichten, ist doch meine Antwort ein klares "nein"! Denn zu groß sind die Unterschiede zwischen den lokalen Mundarten innerhalb des Allgäus. Wir können deshalb vernünftigerweise nur in der Mehrzahl, also von den Allgäuer Dialekten reden. 


Durch das Allgäu verläuft sogar eine ziemlich scharfe Mundartgrenze, die den größeren Teil dem Schwäbischen, den kleineren südwestlichen Teil aber dem Alemannischen im engeren Sinne zuordnet, genauer gesagt dem Niederalemannischen. Dies betrifft das Oberallgäu südlich von Immenstadt und das Westallgäu ab Oberstaufen westwärts. In der Sprachwissenschaft nimmt man als Kriterium für diese Unterscheidung die dialektale Aussprache für die historischen hohen Langvokale (mhd. î, iu, û), die im Alemannischen als einfache Laute erhalten sind, im Schwäbischen aber die sog. Neuhochdeutsche Diphthongierung mitgemacht haben. Wörter wie "Haus, Haut, Häuser, Zeit, bleiben" werden von den alemannischen Allgäuern als Hüüs bzw. Hûûs, Hüt bzw. Hût, Hiisêr, Zit, bliibê ausgesprochen. 

Fast an der gleichen Linie scheidet sich ein anderes Lautphänomen: Die schwäbischen Allgäuer können Vokale wahlweise mit oder ohne Nasalität  aussprechen, während im alemannischen Südwesten eine nasale Aussprache allenfalls als Sprachfehler vorkommt. So haben sich auch die altüberlieferten Kurzverben gân, stân, hân, lân für "gehen, stehen, haben, lassen" unterschiedlich entwickelt: im Südwesten lauten sie gòng, stòng, hòng, lòng, im schwäbischen Teil sind sie hingegen nasaliert gãũ, stãũ, hãũ, lãũ.  

Aber noch viele andere Lautgrenzen (Wort-Unterschiede sind für die Dialekteinteilung weniger relevant) verlaufen durch das Allgäu und sorgen so für eine mundartliche Vielfalt, die ich nur teilweise auf der folgenden Karte darstellen konnte: 


Besonders auffällig sind die Lautunterschiede für für mhd. ei (grüne Linien auf der Karte) in Wörtern wie "breit, heiß, Leiter, reisen, ich weiß". Am Bodensee und am Lech gilt broât, vom Westallgäu bis Augsburg und weit ins schwäbische Unterland bròit, in der Mitte wird ein sehr gespreiztes brait gesprochen. 

Die alten Langvokale, mhd. ê, oe, ô, etwa in "Schnee, Klee, größer, groß, Rose, stoßen", sind westlich der gelben Linie als einfache Laute erhalten, während sie im übrigen Allgäu diphthongiert sind, also z.B. Schnäâ, Kläâ, gräâßr, gròâß, Ròâsê

Außerdem entspricht dem mhd. ou in Wörtern wie "glauben, Laub, auch, laufen, kaufen" im Westen ein Diphthong au oder alemannisch ôû, wohingegen im Ostallgäu und noch weit über den Lech ein einfacher o-Laut typisch ist (Merksatz: dees gloob i oo). Nach diesem Kriterium könnte man übrigens das Gebiet um Wertach-Oy berechtigterweise auch zum Ostallgäu rechnen.

Ehemals einsilbige Wörter auf -rn und -rm werden nordöstlich der lila-blauen Linie und weit über unser Gebiet hinaus durch den Einschub eines sog. Sprossvokals zu Zweisilblern. Aus "Garn" oder "Wurm" wurden zunächst die Wortformen Gar-en, Tur-em, wobei dann später wie bei allen unbetonten Endungen auf -en der Nasalkonsonant abgefallen ist und die Wortformen Gaarê, Tuurê blieben. Diese Grenze ist deshalb so bedeutsam, weil von diesem Phänomen eine ansehnliche Zahl von Wörtern betroffen ist, z.B. "Wurm, Arm, Zorn, Horn, Korn, Kern, Stern, gern, Hirn"

Die farbige Fläche zeigt die Verbreitung der für das Allgäu als typisch angesehenen männlichen Endung -ar (mit einem volltonigen a), z.B. Mòòlar, Schreinar, Handwerkar, Hammar, Druckar. Dem entspricht nördlich der Fläche ein einfaches silbisch ausgesprochenes -r (Maulr, Druckr). Im gleichen Gebiet haben auch weibliche Substantive die Mehrzahl-Endung -a, sodass dort immer eine Unterscheidung zur Einzahl deutlich hörbar ist, z. B. a Tannê aber drei Tanna. Weniger konsequent befolgt und auch nicht ganz klar abgrenzbar ist im südöstlichen Allgäu die nämliche Unterscheidung bei den Verkleinerungsformen, z.B. a Kindlê gegen drei Kindla, a Gläslê gegen a paar Gläsla

Wichtige Schlussfolgerung: Würde man die angesprochenen Endungen mit volltonigem a wirklich als Kriterium für die Allgäuer Dialekte ansetzen, dürften sich die Menschen im nördlichen Allgäu nicht als echte Allgäuer fühlen. Da es aber kaum andere sprachliche Kriterien für die Abgrenzung des Allgäus gegen Norden zu gibt, sollte man wohl endlich die falsche Vorstellung von einem eigenständigen Allgäuerischen aufgeben und sich eingestehen, dass die Allgäuer Dialekte nur Teil eines Kontinuums sind, welches sich vom Tiroler Außerfern bis zur Donau und ins Ries hin kontinuierlich in kleinen Schritten verändert, welches aber dennoch eine in sich relativ einheitliche ostschwäbische Dialektlandschaft bildet. Also auch unter rein sprachlichen Gesichtspunkten ist nicht nachvollziehbar, warum sich viele Allgäuer so vehement von den Schwaben abgrenzen wollen (vgl. dazu auch den Beitrag zur "Identität der Allgäuer"!).



Oktober 25, 2023

Identität der Allgäuer

 

Politisch geteilt - emotional gespalten


Napoleon ist an allem schuld


Das bayerische Westallgäu, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, stellt ein territoriales Kuriosum dar, zu dessen Entstehung ganz wesentlich Napoleon beigetragen hat. Denn das von seinen Gnaden am Beginn des 19. Jahrhunderts errichtete Königreich Bayern bekam außer umfangreichen fränkischen und schwäbischen Gebieten auch noch die vormals freie Reichsstadt Lindau zugeteilt. Deshalb hielt man es für nötig,  sich zusätzlich vorderösterreichische Gebiete anzueignen, um einen Land-Korridor als Zugang zu dieser Bodensee-Stadt zu bekommen. Und somit gehören heutzutage politische Grenzen zum regulären Erfahrungshorizont der Westallgäuer in ihrem eingeengten Landstrich. Diese besondere  geopolitische Lage verursacht bei den Bewohnern aber auch ein gewisses Identitätsproblem, das sie nur teilweise mit den übrigen Allgäuern teilen.

Zwischen Österreich ...


 Wendet sich ein heutiger Westallgäuer nur wenige Kilometer nach Süden, passiert er schon bald die Reste früherer Grenz-Kontrollstellen, wo ihm Schilder unmissverständlich klarmachen, dass er sich ab nun im Land Vorarlberg und somit auf dem Gebiet der Republik Österreich befindet. Die Menschen im vorderen Bregenzerwald reden bekanntlich fast die gleiche alemannische Mundart wie die Westallgäuer, und sie beschäftigen sich vermutlich mit ziemlich gleichen Alltagsproblemen. Dennoch gelten sie als Angehörige einer anderen "Nation“, wobei ich allerdings in diesem Fall doch lieber nur von einem anderen "Staatsvolk“ rede. Die Wäldar werden von Bregenz aus von einer Bezirks- und einer Landesregierung regiert, die für sie wirklich wichtigen Entscheidungen treffen jedoch irgendwelche Politiker im fernen Wien.


... und Baden-Württemberg


Führt es einen bayerischen Westallgäuer hingegen nach Norden, betritt er bereits an den Stadtgrenzen von Isny und Wangen das Territorium des noch relativ jungen Bundeslandes Baden-Württemberg. Und so sehr  sich die Menschen hinter der Grenze auch als Allgäuer fühlen mögen und dies auch aufrichtig bekennen, orientieren sie sich doch in mancher Hinsicht, auch sprachlich, zunehmend an Zentren wie Ulm oder Stuttgart. Deshalb werden Allgäuer aus Leutkirch, Isny oder Wangen wegen ihrer Sprachfärbung von einem Oberstdorfer oder Pfrontener ziemlich undifferenziert als irgendwelche Wîrtêbergar wahrgenommen. Rein theoretisch müsste das Landesbewusstsein die württembergischen Allgäuer sogar dazu anhalten, sich Kurpfälzern oder Franken aus dem Taubergrund mehr verbunden zu fühlen als ihren unmittelbaren Nachbarn ous 'm Boirischê.

Und wenn ein Westallgäuer in seinem Landratsamt in Lindau etwas zu erledigen hat, muss er zwangsläufig sein Allgäu vorübergehend hinter sich lassen. Denn es lässt sich kaum leugnen, dass trotz sehr enger Beziehungen zum Allgäu das bayerische Bodenseegebiet doch eine ganz andere Landschaft mit einem wesentlich milderen Klima darstellt. Und von dieser anderen Landschaft sind auch die Bewohner, d' Seehasê, deutlich geprägt.



Im Land der Bayern

Dem in territorialer Hinsicht ziemlich beengt lebenden Westallgäuer wird aber seit gut 200 Jahren immer wieder gesagt, dass es kaum ein größeres Glück geben könne, als im Land der Bayern leben zu dürfen, über welches sich permanent der weiß-blaue Himmel spanne und über dessen weiten Gauen Gottes Segenshand ruhe. Und dieses von außen vermittelte Gefühl haben die meisten bayerischen Allgäuer auch schon weitgehend verinnerlicht. Sie nehmen auch gerne für sich in Anspruch, als die echten Allgäuer zu gelten, und so ignorieren sie – manchmal sogar bewusst – ihre Allgäuer Brüder und Schwestern von jenseits der württembergischen Grenze.


Gespaltene Identität mit Folgen

In ihrem Stolz und Selbstbewusstsein geben sich die bayerischen Allgäuer auch gerne dem Trugschluss hin, sie seien etwas ganz Besonderes, gar ein eigener Stamm. Dies verführt sie wiederum dazu, sich von ihren schwäbisch-alemannischen Stammesbrüdern zu distanzieren und ziemlich verächtlich auf alles Schwäbische herunter zu schauen, womit sie aber ihre eigenen Wurzeln verleugnen. Stärker als die Stammes-Bindung nach Westen und Norden wiegt für die meisten heutigen Allgäuer der bayerische Staatspatriotismus. Dies ist wohl mit ein Grund dafür, dass sie sich in sprachlicher und volkskultureller Hinsicht immer mehr an München und Alt-Bayern orientieren und unnötigerweise viel von dort imitieren. Langfristig verliert aber so das bayerische Allgäu viel von seinem ursprünglichen Charakter und seiner Eigenart. Und so braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn dieser schöne Flecken Erde von außen zunehmend als bloßes Anhängsel des oberbayerischen Alpenrandes wahrgenommen wird.