Gibt es den Allgäuer Dialekt überhaupt?
Auch wenn alle über ihn reden und Zeitungen und andere Medien immer wieder über ihn berichten, ist doch meine Antwort ein klares "nein"! Denn zu groß sind die Unterschiede zwischen den lokalen Mundarten innerhalb des Allgäus. Wir können deshalb vernünftigerweise nur in der Mehrzahl, also von den Allgäuer Dialekten reden.
Aber noch viele andere Lautgrenzen (Wort-Unterschiede sind für die Dialekteinteilung weniger relevant) verlaufen durch das Allgäu und sorgen so für eine mundartliche Vielfalt, die ich nur teilweise auf der folgenden Karte darstellen konnte:
Besonders auffällig sind die Lautunterschiede für für mhd. ei (grüne Linien auf der Karte) in Wörtern wie "breit, heiß, Leiter, reisen, ich weiß". Am Bodensee und am Lech gilt broât, vom Westallgäu bis Augsburg und weit ins schwäbische Unterland bròit, in der Mitte wird ein sehr gespreiztes brait gesprochen.
Die alten Langvokale, mhd. ê, oe, ô, etwa in "Schnee, Klee, größer, groß, Rose, stoßen", sind westlich der gelben Linie als einfache Laute erhalten, während sie im übrigen Allgäu diphthongiert sind, also z.B. Schnäâ, Kläâ, gräâßr, gròâß, Ròâsê.
Außerdem entspricht dem mhd. ou in Wörtern wie "glauben, Laub, auch, laufen, kaufen" im Westen ein Diphthong au oder alemannisch ôû, wohingegen im Ostallgäu und noch weit über den Lech ein einfacher o-Laut typisch ist (Merksatz: dees gloob i oo). Nach diesem Kriterium könnte man übrigens das Gebiet um Wertach-Oy berechtigterweise auch zum Ostallgäu rechnen.
Ehemals einsilbige Wörter auf -rn und -rm werden nordöstlich der lila-blauen Linie und weit über unser Gebiet hinaus durch den Einschub eines sog. Sprossvokals zu Zweisilblern. Aus "Garn" oder "Wurm" wurden zunächst die Wortformen Gar-en, Tur-em, wobei dann später wie bei allen unbetonten Endungen auf -en der Nasalkonsonant abgefallen ist und die Wortformen Gaarê, Tuurê blieben. Diese Grenze ist deshalb so bedeutsam, weil von diesem Phänomen eine ansehnliche Zahl von Wörtern betroffen ist, z.B. "Wurm, Arm, Zorn, Horn, Korn, Kern, Stern, gern, Hirn".
Die farbige Fläche zeigt die Verbreitung der für das Allgäu als typisch angesehenen männlichen Endung -ar (mit einem volltonigen a), z.B. Mòòlar, Schreinar, Handwerkar, Hammar, Druckar. Dem entspricht nördlich der Fläche ein einfaches silbisch ausgesprochenes -r (Maulr, Druckr). Im gleichen Gebiet haben auch weibliche Substantive die Mehrzahl-Endung -a, sodass dort immer eine Unterscheidung zur Einzahl deutlich hörbar ist, z. B. a Tannê aber drei Tanna. Weniger konsequent befolgt und auch nicht ganz klar abgrenzbar ist im südöstlichen Allgäu die nämliche Unterscheidung bei den Verkleinerungsformen, z.B. a Kindlê gegen drei Kindla, a Gläslê gegen a paar Gläsla.
Wichtige Schlussfolgerung: Würde man die angesprochenen Endungen mit volltonigem a wirklich als Kriterium für die Allgäuer Dialekte ansetzen, dürften sich die Menschen im nördlichen Allgäu nicht als echte Allgäuer fühlen. Da es aber kaum andere sprachliche Kriterien für die Abgrenzung des Allgäus gegen Norden zu gibt, sollte man wohl endlich die falsche Vorstellung von einem eigenständigen Allgäuerischen aufgeben und sich eingestehen, dass die Allgäuer Dialekte nur Teil eines Kontinuums sind, welches sich vom Tiroler Außerfern bis zur Donau und ins Ries hin kontinuierlich in kleinen Schritten verändert, welches aber dennoch eine in sich relativ einheitliche ostschwäbische Dialektlandschaft bildet. Also auch unter rein sprachlichen Gesichtspunkten ist nicht nachvollziehbar, warum sich viele Allgäuer so vehement von den Schwaben abgrenzen wollen (vgl. dazu auch den Beitrag zur "Identität der Allgäuer"!).

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