Politisch geteilt - emotional gespalten
Napoleon ist an allem schuld
Zwischen Österreich ...
Führt
es einen bayerischen Westallgäuer hingegen nach Norden, betritt er bereits an den Stadtgrenzen von Isny und Wangen das Territorium des noch relativ jungen Bundeslandes Baden-Württemberg. Und so sehr sich die Menschen hinter der Grenze auch als Allgäuer fühlen mögen und dies auch
aufrichtig bekennen, orientieren sie sich doch in mancher Hinsicht, auch
sprachlich, zunehmend an Zentren wie Ulm oder Stuttgart. Deshalb werden Allgäuer aus Leutkirch, Isny oder Wangen wegen ihrer Sprachfärbung von einem Oberstdorfer oder Pfrontener ziemlich undifferenziert als irgendwelche Wîrtêbergar wahrgenommen. Rein
theoretisch müsste das Landesbewusstsein die württembergischen Allgäuer sogar dazu anhalten,
sich Kurpfälzern oder Franken aus dem Taubergrund mehr
verbunden zu fühlen als ihren unmittelbaren Nachbarn ous 'm
Boirischê.
Und wenn ein Westallgäuer in seinem Landratsamt in Lindau etwas zu erledigen hat, muss er zwangsläufig sein Allgäu vorübergehend hinter sich lassen. Denn es lässt sich kaum leugnen, dass trotz sehr enger Beziehungen zum Allgäu das bayerische Bodenseegebiet doch eine ganz andere Landschaft mit einem wesentlich milderen Klima darstellt. Und von dieser anderen Landschaft sind auch die Bewohner, d' Seehasê, deutlich geprägt.
Dem in territorialer Hinsicht ziemlich beengt lebenden Westallgäuer wird aber seit gut 200 Jahren immer wieder gesagt, dass es kaum ein größeres Glück geben könne, als im Land der Bayern leben zu dürfen, über welches sich permanent der weiß-blaue Himmel spanne und über dessen weiten Gauen Gottes Segenshand ruhe. Und dieses von außen vermittelte Gefühl haben die meisten bayerischen Allgäuer auch schon weitgehend verinnerlicht. Sie nehmen auch gerne für sich in Anspruch, als die echten Allgäuer zu gelten, und so ignorieren sie – manchmal sogar bewusst – ihre Allgäuer Brüder und Schwestern von jenseits der württembergischen Grenze.
Gespaltene Identität mit Folgen
In ihrem Stolz und Selbstbewusstsein geben sich die bayerischen Allgäuer auch gerne dem Trugschluss hin, sie seien etwas ganz Besonderes, gar ein eigener Stamm. Dies verführt sie wiederum dazu, sich von ihren schwäbisch-alemannischen Stammesbrüdern zu distanzieren und ziemlich verächtlich auf alles Schwäbische herunter zu schauen, womit sie aber ihre eigenen Wurzeln verleugnen. Stärker als die Stammes-Bindung nach Westen und Norden wiegt für die meisten heutigen Allgäuer der bayerische Staatspatriotismus. Dies ist wohl mit ein Grund dafür, dass sie sich in sprachlicher und volkskultureller Hinsicht immer mehr an München und Alt-Bayern orientieren und unnötigerweise viel von dort imitieren. Langfristig verliert aber so das bayerische Allgäu viel von seinem ursprünglichen Charakter und seiner Eigenart. Und so braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn dieser schöne Flecken Erde von außen zunehmend als bloßes Anhängsel des oberbayerischen Alpenrandes wahrgenommen wird.

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