Oktober 25, 2023

Identität der Allgäuer

 

Politisch geteilt - emotional gespalten


Napoleon ist an allem schuld


Das bayerische Westallgäu, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, stellt ein territoriales Kuriosum dar, zu dessen Entstehung ganz wesentlich Napoleon beigetragen hat. Denn das von seinen Gnaden am Beginn des 19. Jahrhunderts errichtete Königreich Bayern bekam außer umfangreichen fränkischen und schwäbischen Gebieten auch noch die vormals freie Reichsstadt Lindau zugeteilt. Deshalb hielt man es für nötig,  sich zusätzlich vorderösterreichische Gebiete anzueignen, um einen Land-Korridor als Zugang zu dieser Bodensee-Stadt zu bekommen. Und somit gehören heutzutage politische Grenzen zum regulären Erfahrungshorizont der Westallgäuer in ihrem eingeengten Landstrich. Diese besondere  geopolitische Lage verursacht bei den Bewohnern aber auch ein gewisses Identitätsproblem, das sie nur teilweise mit den übrigen Allgäuern teilen.

Zwischen Österreich ...


 Wendet sich ein heutiger Westallgäuer nur wenige Kilometer nach Süden, passiert er schon bald die Reste früherer Grenz-Kontrollstellen, wo ihm Schilder unmissverständlich klarmachen, dass er sich ab nun im Land Vorarlberg und somit auf dem Gebiet der Republik Österreich befindet. Die Menschen im vorderen Bregenzerwald reden bekanntlich fast die gleiche alemannische Mundart wie die Westallgäuer, und sie beschäftigen sich vermutlich mit ziemlich gleichen Alltagsproblemen. Dennoch gelten sie als Angehörige einer anderen "Nation“, wobei ich allerdings in diesem Fall doch lieber nur von einem anderen "Staatsvolk“ rede. Die Wäldar werden von Bregenz aus von einer Bezirks- und einer Landesregierung regiert, die für sie wirklich wichtigen Entscheidungen treffen jedoch irgendwelche Politiker im fernen Wien.


... und Baden-Württemberg


Führt es einen bayerischen Westallgäuer hingegen nach Norden, betritt er bereits an den Stadtgrenzen von Isny und Wangen das Territorium des noch relativ jungen Bundeslandes Baden-Württemberg. Und so sehr  sich die Menschen hinter der Grenze auch als Allgäuer fühlen mögen und dies auch aufrichtig bekennen, orientieren sie sich doch in mancher Hinsicht, auch sprachlich, zunehmend an Zentren wie Ulm oder Stuttgart. Deshalb werden Allgäuer aus Leutkirch, Isny oder Wangen wegen ihrer Sprachfärbung von einem Oberstdorfer oder Pfrontener ziemlich undifferenziert als irgendwelche Wîrtêbergar wahrgenommen. Rein theoretisch müsste das Landesbewusstsein die württembergischen Allgäuer sogar dazu anhalten, sich Kurpfälzern oder Franken aus dem Taubergrund mehr verbunden zu fühlen als ihren unmittelbaren Nachbarn ous 'm Boirischê.

Und wenn ein Westallgäuer in seinem Landratsamt in Lindau etwas zu erledigen hat, muss er zwangsläufig sein Allgäu vorübergehend hinter sich lassen. Denn es lässt sich kaum leugnen, dass trotz sehr enger Beziehungen zum Allgäu das bayerische Bodenseegebiet doch eine ganz andere Landschaft mit einem wesentlich milderen Klima darstellt. Und von dieser anderen Landschaft sind auch die Bewohner, d' Seehasê, deutlich geprägt.



Im Land der Bayern

Dem in territorialer Hinsicht ziemlich beengt lebenden Westallgäuer wird aber seit gut 200 Jahren immer wieder gesagt, dass es kaum ein größeres Glück geben könne, als im Land der Bayern leben zu dürfen, über welches sich permanent der weiß-blaue Himmel spanne und über dessen weiten Gauen Gottes Segenshand ruhe. Und dieses von außen vermittelte Gefühl haben die meisten bayerischen Allgäuer auch schon weitgehend verinnerlicht. Sie nehmen auch gerne für sich in Anspruch, als die echten Allgäuer zu gelten, und so ignorieren sie – manchmal sogar bewusst – ihre Allgäuer Brüder und Schwestern von jenseits der württembergischen Grenze.


Gespaltene Identität mit Folgen

In ihrem Stolz und Selbstbewusstsein geben sich die bayerischen Allgäuer auch gerne dem Trugschluss hin, sie seien etwas ganz Besonderes, gar ein eigener Stamm. Dies verführt sie wiederum dazu, sich von ihren schwäbisch-alemannischen Stammesbrüdern zu distanzieren und ziemlich verächtlich auf alles Schwäbische herunter zu schauen, womit sie aber ihre eigenen Wurzeln verleugnen. Stärker als die Stammes-Bindung nach Westen und Norden wiegt für die meisten heutigen Allgäuer der bayerische Staatspatriotismus. Dies ist wohl mit ein Grund dafür, dass sie sich in sprachlicher und volkskultureller Hinsicht immer mehr an München und Alt-Bayern orientieren und unnötigerweise viel von dort imitieren. Langfristig verliert aber so das bayerische Allgäu viel von seinem ursprünglichen Charakter und seiner Eigenart. Und so braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn dieser schöne Flecken Erde von außen zunehmend als bloßes Anhängsel des oberbayerischen Alpenrandes wahrgenommen wird.


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