"Ich bin Deutscher"
Meine Nationale Frage
Schon vielfach in meinem Leben habe ich mich bei Behörden und Grenzkontrollen als Deutscher ausweisen müssen. Und mit dem Satz Ich bin Deutscher habe ich mich immer wieder zu einem Staatswesen bekannt, dem in meinen frühen Jahren noch die Souveränität vorenthalten war und das 1990 plötzlich einen wesentlich größeren Umfang annahm, ohne dass ich dazu irgendetwas beigetragen hätte oder dass ich um meine Zustimmung gefragt worden wäre. Das Staatsvolk, zu dem ich mich immer loyal zugehörig gefühlt hatte, war plötzlich von etwa 64 auf 82 Millionen Bürger angewachsen. Dabei habe ich viele Jahre meines Lebens mit dem Begriff und der Vorstellung von der deutschen Nation gerungen und gekämpft, und lange Zeit wollte ich mich auch nicht mit dem Ergebnis der kleindeutschen Weichenstellung von 1848 abfinden, als Österreich aus dem nationalen Einigungsprozess ausgeschlossen wurde. Entsprechend schwer tat ich mir bei der Suche nach meiner nationalen Identität.
"Unsere Brüder und Schwestern" - welche?
Den
Schmerz über die territoriale Amputation und Teilung
Deutschlands nach der Niederlage von 1945, der von uns Nachgeborenen
fast obligatorisch als nationale Empfindung abverlangt wurde, konnte
ich wohl immer nur bedingt teilen. Das heißt keinesfalls, dass ich
die aus Vertreibung und Trennung resultierenden Einzelschicksale
nicht hätte mitempfinden können. So habe ich als
13-Jähriger den Mauerbau mit sehr großer Empathie verfolgt, und ich kannte auch in
den Jahren danach die Verhältnisse in Berlin und an der
innerdeutschen Grenze ziemlich genau. Dennoch regte sich in mir schon
früh eine gewisse Skepsis gegen das phrasenhafte Dogma von der
notwendigen
Wiedervereinigung
unseres Vaterlandes.
Und zunehmend wurde es für mich schwierig einzusehen, warum die
Menschen jenseits der neuen Grenze, von vorneherein meine
Brüder und Schwestern
sein sollten und mir näher stehen sollten als die Menschen jenseits
der mir so nahen Südgrenze der Bundesrepublik. Warum meine
unmittelbaren Nachbarn, die ebenfalls dieselbe Sprache, teils sogar
denselben alemannischen Dialekt sprechen, Angehörige einer ganz
anderen Nation sein sollten, wollte mir in meiner Jugendzeit einfach
nicht einleuchten. Und diesen Widerspruch von obligatorischem
Nationalempfinden gegenüber der DDR einerseits und dem Ignorieren
der Gemeinsamkeit mit Österreich, mit Südtirol und teilweise auch
mit der Schweiz andererseits, wollte ich immer weniger hinnehmen.
Lange Zeit auf das Ethnische fixiert
Für
mich stellte sich daher die nationale
Frage
damals ganz anders als für die offizielle Bundesrepublik, und so
löste ich diese Frage für mich privat mit folgender Sichtweise:
Deutschland
war für mich kein Staatsgebiet, sondern ein Sprach- und Kulturraum.
Folglich gab es mehrere deutsche
Staaten, zu denen ich wie selbstverständlich auch Österreich zählte. Und weitere deutsch-sprachige Menschen lebten zusammen mit Bürgern anderer
Zunge
in gemischt-ethnischen Ländern, sei es problemlos wie in der
Schweiz als
Teil
der eidgenössischen Willensnation,
sei es als mehr oder weniger respektierte Minderheiten wie in
Südtirol oder Rumänien, sei es gar wie im Elsass, wo die Menschen
die deutsche Sprache nur noch teilweise in Form des Dialektes bewahrt
hatten und keinerlei Gefühl von Verbundenheit mit einem Deutschland
mehr hatten oder haben durften. Weil es also mein
Deutschland
als Staat gar nicht geben konnte, identifizierte ich mich lange Zeit
ganz
stark mit der deutschen
Nation, die ich als
überstaatliche
Sprach- und Kulturgemeinschaft definierte. Dieses Nationalbewusstsein
auf
ideeller Ebene erlaubte
mir jedoch zusätzlich
eine
positive Identifikation mit der Bundesrepublik,
die auf der Basis des Grundgesetzes ja
gut funktionierte
und die ich deshalb auch als liebenswertes Heimatland schätzte, was ich heutzutage als Verfassungs-Patriotismus begreife.
Dennoch
hatte
ich noch
mindestens bis 1990 ziemliche
Schwierigkeiten mit dem Wort
Deutschland
im offiziellen Staatsnamen.
Störend
an der für mich so einleuchtenden Konstruktion zur Bewältigung der
nationalen
Frage
war nur die Tatsache, dass ich damit überall auf Unverständnis
stieß. Mein ganzes Umfeld hatte – ohne sich wirklich Gedanken zu
machen – das pragmatische Prinzip der Staatsnationen übernommen.
Und
so ärgerte ich mich immer wieder, wenn etwa die westdeutsche
Fußball-Elf unbedacht für sich in Anspruch nahm, für Deutschland
zu spielen, wenn Politiker immer wieder die Stereotype von den
beiden deutschen Staaten
verwendeten, wenn in den von mir so intensiv rezipierten
österreichischen Medien fleißig an der Entstehung und Festigung
eines österreichischen Nationalgefühls gearbeitet wurde und wenn
man in diesem Bemühen auch nicht auf Gehässigkeiten gegenüber dem
ehemaligen großen Bruder verzichtete.
Akzeptierte nationale Identität
Inzwischen
sind einige Jahrzehnte vergangen, und
die
weltpolitischen Gegebenheiten haben längst die so genannte Wiedervereinigung
Deutschlands
ermöglicht. Österreich ist ebenfalls EU-Mitglied und hat sich
wirtschaftlich und emotional weiter zu einer respektablen
Staatsnation
emanzipiert. Die Tiroler an Etsch und Eisack haben sich, so meine Einschätzung, schon überwiegend
innerlich mit ihrer italienischen Staatszugehörigkeit abgefunden.
Der Lauf der Zeit hat auch mich zu einem abgeklärten älteren Mann werden
lassen, der sich mit den geopolitischen Gegebenheiten arrangiert hat
und der schon seit langem keinerlei Nähe mehr zu völkischem Gedankengut
empfindet. Dennoch unterscheide ich weiterhin zwischen einem
Staatsvolk
und einer Nation,
und den Begriff Nationalität
verwende
ich vorzugsweise nach mittel- und osteuropäischer Tradition in einem
ethnischen Sinne, er ist für mich also keineswegs immer
bedeutungsgleich mit einer administrativen Staatsangehörigkeit.
Ich habe mir auch räumlich wieder eine neue Heimat im Allgäu in unmittelbarer Nähe zum Tiroler Außerfern ausgewählt und genieße dort
beiderseits der kaum mehr spürbaren Grenze meinen Lebensabend.
Fragen nach dem nationalen Empfinden sind längst in den Hintergrund
getreten zugunsten von Fragen nach den regionalen und den dialektalen
Identitäten, die sich über politische Grenzen legen. Und so
schmerzt mich etwa der Verlust an alemannisch-schwäbischem
Bewusstsein in meinem Allgäu und im nahen Westen Österreichs
gleichermaßen, und ziemlich machtlos muss ich die schleichende
Bajuwarisierung in meiner engeren Heimat beiderseits der nahen
Staatsgrenze ertragen.
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