Oktober 24, 2023

Nationale Identität

"Ich bin Deutscher" 

Meine Nationale Frage


Schon vielfach in meinem Leben habe ich mich bei Behörden und Grenzkontrollen als Deutscher ausweisen müssen. Und mit dem Satz Ich bin Deutscher habe ich mich immer wieder zu einem Staatswesen bekannt, dem in meinen frühen Jahren noch die Souveränität vorenthalten war und das 1990 plötzlich einen wesentlich größeren Umfang annahm, ohne dass ich dazu irgendetwas beigetragen hätte oder dass ich um meine Zustimmung gefragt worden wäre. Das Staatsvolk, zu dem ich mich immer loyal zugehörig gefühlt hatte, war plötzlich von etwa 64 auf 82 Millionen Bürger angewachsen. Dabei habe ich viele Jahre meines Lebens mit dem Begriff und der Vorstellung von der deutschen Nation gerungen und gekämpft, und lange Zeit wollte ich mich auch nicht mit dem Ergebnis der kleindeutschen Weichenstellung von 1848 abfinden, als Österreich aus dem nationalen Einigungsprozess ausgeschlossen wurde. Entsprechend schwer tat ich mir bei der Suche nach meiner nationalen Identität. 



"Unsere Brüder und Schwestern" - welche?


Den Schmerz über die territoriale Amputation und Teilung Deutschlands nach der Niederlage von 1945, der von uns Nachgeborenen fast obligatorisch als nationale Empfindung abverlangt wurde, konnte ich wohl immer nur bedingt teilen. Das heißt keinesfalls, dass ich die aus Vertreibung und Trennung resultierenden Einzelschicksale nicht hätte mitempfinden können. So habe ich als 13-Jähriger den Mauerbau mit sehr großer Empathie verfolgt, und ich kannte auch in den Jahren danach die Verhältnisse in Berlin und an der innerdeutschen Grenze ziemlich genau. Dennoch regte sich in mir schon früh eine gewisse Skepsis gegen das phrasenhafte Dogma von der notwendigen Wiedervereinigung unseres Vaterlandes. Und zunehmend wurde es für mich schwierig einzusehen, warum die Menschen jenseits der neuen Grenze, von vorneherein meine Brüder und Schwestern sein sollten und mir näher stehen sollten als die Menschen jenseits der mir so nahen Südgrenze der Bundesrepublik. Warum meine unmittelbaren Nachbarn, die ebenfalls dieselbe Sprache, teils sogar denselben alemannischen Dialekt sprechen, Angehörige einer ganz anderen Nation sein sollten, wollte mir in meiner Jugendzeit einfach nicht einleuchten. Und diesen Widerspruch von obligatorischem Nationalempfinden gegenüber der DDR einerseits und dem Ignorieren der Gemeinsamkeit mit Österreich, mit Südtirol und teilweise auch mit der Schweiz andererseits, wollte ich immer weniger hinnehmen.



Lange Zeit auf das Ethnische fixiert


Für mich stellte sich daher die nationale Frage damals ganz anders als für die offizielle Bundesrepublik, und so löste ich diese Frage für mich privat mit folgender Sichtweise: Deutschland war für mich kein Staatsgebiet, sondern ein Sprach- und Kulturraum. Folglich gab es mehrere deutsche Staaten, zu denen ich wie selbstverständlich auch Österreich zählte. Und weitere deutsch-sprachige Menschen lebten zusammen mit Bürgern anderer Zunge in gemischt-ethnischen Ländern, sei es problemlos wie in der Schweiz als Teil der eidgenössischen Willensnation, sei es als mehr oder weniger respektierte Minderheiten wie in Südtirol oder Rumänien, sei es gar wie im Elsass, wo die Menschen die deutsche Sprache nur noch teilweise in Form des Dialektes bewahrt hatten und keinerlei Gefühl von Verbundenheit mit einem Deutschland mehr hatten oder haben durften. Weil es also mein Deutschland als Staat gar nicht geben konnte, identifizierte ich mich lange Zeit ganz stark mit der deutschen Nation, die ich als überstaatliche Sprach- und Kulturgemeinschaft definierte. Dieses Nationalbewusstsein auf ideeller Ebene erlaubte mir jedoch zusätzlich eine positive Identifikation mit der Bundesrepublik, die auf der Basis des Grundgesetzes ja gut funktionierte und die ich deshalb auch als liebenswertes Heimatland schätzte, was ich heutzutage als Verfassungs-Patriotismus begreife. Dennoch hatte ich noch mindestens bis 1990 ziemliche Schwierigkeiten mit dem Wort Deutschland im offiziellen Staatsnamen.
Störend an der für mich so einleuchtenden Konstruktion zur Bewältigung der nationalen Frage war nur die Tatsache, dass ich damit überall auf Unverständnis stieß. Mein ganzes Umfeld hatte – ohne sich wirklich Gedanken zu machen – das pragmatische Prinzip der Staatsnationen übernommen.
Und so ärgerte ich mich immer wieder, wenn etwa die westdeutsche Fußball-Elf unbedacht für sich in Anspruch nahm, für Deutschland zu spielen, wenn Politiker immer wieder die Stereotype von den beiden deutschen Staaten verwendeten, wenn in den von mir so intensiv rezipierten österreichischen Medien fleißig an der Entstehung und Festigung eines österreichischen Nationalgefühls gearbeitet wurde und wenn man in diesem Bemühen auch nicht auf Gehässigkeiten gegenüber dem ehemaligen großen Bruder verzichtete.



Akzeptierte nationale Identität

Inzwischen sind einige Jahrzehnte vergangen, und die weltpolitischen Gegebenheiten haben längst die so genannte Wiedervereinigung Deutschlands ermöglicht. Österreich ist ebenfalls EU-Mitglied und hat sich wirtschaftlich und emotional weiter zu einer respektablen Staatsnation emanzipiert. Die Tiroler an Etsch und Eisack haben sich, so meine Einschätzung, schon überwiegend innerlich mit ihrer italienischen Staatszugehörigkeit abgefunden. 


Der Lauf der Zeit hat auch mich zu einem abgeklärten älteren Mann werden lassen, der sich mit den geopolitischen Gegebenheiten arrangiert hat und der schon seit langem keinerlei Nähe mehr zu völkischem Gedankengut empfindet. Dennoch unterscheide ich weiterhin zwischen einem Staatsvolk und einer Nation, und den Begriff Nationalität verwende ich vorzugsweise nach mittel- und osteuropäischer Tradition in einem ethnischen Sinne, er ist für mich also keineswegs immer bedeutungsgleich mit einer administrativen Staatsangehörigkeit. Ich habe mir auch räumlich wieder eine neue Heimat im Allgäu in unmittelbarer Nähe zum Tiroler Außerfern ausgewählt und genieße dort beiderseits der kaum mehr spürbaren Grenze meinen Lebensabend. Fragen nach dem nationalen Empfinden sind längst in den Hintergrund getreten zugunsten von Fragen nach den regionalen und den dialektalen Identitäten, die sich über politische Grenzen legen. Und so schmerzt mich etwa der Verlust an alemannisch-schwäbischem Bewusstsein in meinem Allgäu und im nahen Westen Österreichs gleichermaßen, und ziemlich machtlos muss ich die schleichende Bajuwarisierung in meiner engeren Heimat beiderseits der nahen Staatsgrenze ertragen. 
  


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