Oktober 29, 2023

Dialekte im Allgäu

Gibt es den Allgäuer Dialekt überhaupt?

Auch wenn alle über ihn reden und Zeitungen und andere Medien immer wieder über ihn berichten, ist doch meine Antwort ein klares "nein"! Denn zu groß sind die Unterschiede zwischen den lokalen Mundarten innerhalb des Allgäus. Wir können deshalb vernünftigerweise nur in der Mehrzahl, also von den Allgäuer Dialekten reden. 


Durch das Allgäu verläuft sogar eine ziemlich scharfe Mundartgrenze, die den größeren Teil dem Schwäbischen, den kleineren südwestlichen Teil aber dem Alemannischen im engeren Sinne zuordnet, genauer gesagt dem Niederalemannischen. Dies betrifft das Oberallgäu südlich von Immenstadt und das Westallgäu ab Oberstaufen westwärts. In der Sprachwissenschaft nimmt man als Kriterium für diese Unterscheidung die dialektale Aussprache für die historischen hohen Langvokale (mhd. î, iu, û), die im Alemannischen als einfache Laute erhalten sind, im Schwäbischen aber die sog. Neuhochdeutsche Diphthongierung mitgemacht haben. Wörter wie "Haus, Haut, Häuser, Zeit, bleiben" werden von den alemannischen Allgäuern als Hüüs bzw. Hûûs, Hüt bzw. Hût, Hiisêr, Zit, bliibê ausgesprochen. 

Fast an der gleichen Linie scheidet sich ein anderes Lautphänomen: Die schwäbischen Allgäuer können Vokale wahlweise mit oder ohne Nasalität  aussprechen, während im alemannischen Südwesten eine nasale Aussprache allenfalls als Sprachfehler vorkommt. So haben sich auch die altüberlieferten Kurzverben gân, stân, hân, lân für "gehen, stehen, haben, lassen" unterschiedlich entwickelt: im Südwesten lauten sie gòng, stòng, hòng, lòng, im schwäbischen Teil sind sie hingegen nasaliert gãũ, stãũ, hãũ, lãũ.  

Aber noch viele andere Lautgrenzen (Wort-Unterschiede sind für die Dialekteinteilung weniger relevant) verlaufen durch das Allgäu und sorgen so für eine mundartliche Vielfalt, die ich nur teilweise auf der folgenden Karte darstellen konnte: 


Besonders auffällig sind die Lautunterschiede für für mhd. ei (grüne Linien auf der Karte) in Wörtern wie "breit, heiß, Leiter, reisen, ich weiß". Am Bodensee und am Lech gilt broât, vom Westallgäu bis Augsburg und weit ins schwäbische Unterland bròit, in der Mitte wird ein sehr gespreiztes brait gesprochen. 

Die alten Langvokale, mhd. ê, oe, ô, etwa in "Schnee, Klee, größer, groß, Rose, stoßen", sind westlich der gelben Linie als einfache Laute erhalten, während sie im übrigen Allgäu diphthongiert sind, also z.B. Schnäâ, Kläâ, gräâßr, gròâß, Ròâsê

Außerdem entspricht dem mhd. ou in Wörtern wie "glauben, Laub, auch, laufen, kaufen" im Westen ein Diphthong au oder alemannisch ôû, wohingegen im Ostallgäu und noch weit über den Lech ein einfacher o-Laut typisch ist (Merksatz: dees gloob i oo). Nach diesem Kriterium könnte man übrigens das Gebiet um Wertach-Oy berechtigterweise auch zum Ostallgäu rechnen.

Ehemals einsilbige Wörter auf -rn und -rm werden nordöstlich der lila-blauen Linie und weit über unser Gebiet hinaus durch den Einschub eines sog. Sprossvokals zu Zweisilblern. Aus "Garn" oder "Wurm" wurden zunächst die Wortformen Gar-en, Tur-em, wobei dann später wie bei allen unbetonten Endungen auf -en der Nasalkonsonant abgefallen ist und die Wortformen Gaarê, Tuurê blieben. Diese Grenze ist deshalb so bedeutsam, weil von diesem Phänomen eine ansehnliche Zahl von Wörtern betroffen ist, z.B. "Wurm, Arm, Zorn, Horn, Korn, Kern, Stern, gern, Hirn"

Die farbige Fläche zeigt die Verbreitung der für das Allgäu als typisch angesehenen männlichen Endung -ar (mit einem volltonigen a), z.B. Mòòlar, Schreinar, Handwerkar, Hammar, Druckar. Dem entspricht nördlich der Fläche ein einfaches silbisch ausgesprochenes -r (Maulr, Druckr). Im gleichen Gebiet haben auch weibliche Substantive die Mehrzahl-Endung -a, sodass dort immer eine Unterscheidung zur Einzahl deutlich hörbar ist, z. B. a Tannê aber drei Tanna. Weniger konsequent befolgt und auch nicht ganz klar abgrenzbar ist im südöstlichen Allgäu die nämliche Unterscheidung bei den Verkleinerungsformen, z.B. a Kindlê gegen drei Kindla, a Gläslê gegen a paar Gläsla

Wichtige Schlussfolgerung: Würde man die angesprochenen Endungen mit volltonigem a wirklich als Kriterium für die Allgäuer Dialekte ansetzen, dürften sich die Menschen im nördlichen Allgäu nicht als echte Allgäuer fühlen. Da es aber kaum andere sprachliche Kriterien für die Abgrenzung des Allgäus gegen Norden zu gibt, sollte man wohl endlich die falsche Vorstellung von einem eigenständigen Allgäuerischen aufgeben und sich eingestehen, dass die Allgäuer Dialekte nur Teil eines Kontinuums sind, welches sich vom Tiroler Außerfern bis zur Donau und ins Ries hin kontinuierlich in kleinen Schritten verändert, welches aber dennoch eine in sich relativ einheitliche ostschwäbische Dialektlandschaft bildet. Also auch unter rein sprachlichen Gesichtspunkten ist nicht nachvollziehbar, warum sich viele Allgäuer so vehement von den Schwaben abgrenzen wollen (vgl. dazu auch den Beitrag zur "Identität der Allgäuer"!).



Oktober 25, 2023

Identität der Allgäuer

 

Politisch geteilt - emotional gespalten


Napoleon ist an allem schuld


Das bayerische Westallgäu, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, stellt ein territoriales Kuriosum dar, zu dessen Entstehung ganz wesentlich Napoleon beigetragen hat. Denn das von seinen Gnaden am Beginn des 19. Jahrhunderts errichtete Königreich Bayern bekam außer umfangreichen fränkischen und schwäbischen Gebieten auch noch die vormals freie Reichsstadt Lindau zugeteilt. Deshalb hielt man es für nötig,  sich zusätzlich vorderösterreichische Gebiete anzueignen, um einen Land-Korridor als Zugang zu dieser Bodensee-Stadt zu bekommen. Und somit gehören heutzutage politische Grenzen zum regulären Erfahrungshorizont der Westallgäuer in ihrem eingeengten Landstrich. Diese besondere  geopolitische Lage verursacht bei den Bewohnern aber auch ein gewisses Identitätsproblem, das sie nur teilweise mit den übrigen Allgäuern teilen.

Zwischen Österreich ...


 Wendet sich ein heutiger Westallgäuer nur wenige Kilometer nach Süden, passiert er schon bald die Reste früherer Grenz-Kontrollstellen, wo ihm Schilder unmissverständlich klarmachen, dass er sich ab nun im Land Vorarlberg und somit auf dem Gebiet der Republik Österreich befindet. Die Menschen im vorderen Bregenzerwald reden bekanntlich fast die gleiche alemannische Mundart wie die Westallgäuer, und sie beschäftigen sich vermutlich mit ziemlich gleichen Alltagsproblemen. Dennoch gelten sie als Angehörige einer anderen "Nation“, wobei ich allerdings in diesem Fall doch lieber nur von einem anderen "Staatsvolk“ rede. Die Wäldar werden von Bregenz aus von einer Bezirks- und einer Landesregierung regiert, die für sie wirklich wichtigen Entscheidungen treffen jedoch irgendwelche Politiker im fernen Wien.


... und Baden-Württemberg


Führt es einen bayerischen Westallgäuer hingegen nach Norden, betritt er bereits an den Stadtgrenzen von Isny und Wangen das Territorium des noch relativ jungen Bundeslandes Baden-Württemberg. Und so sehr  sich die Menschen hinter der Grenze auch als Allgäuer fühlen mögen und dies auch aufrichtig bekennen, orientieren sie sich doch in mancher Hinsicht, auch sprachlich, zunehmend an Zentren wie Ulm oder Stuttgart. Deshalb werden Allgäuer aus Leutkirch, Isny oder Wangen wegen ihrer Sprachfärbung von einem Oberstdorfer oder Pfrontener ziemlich undifferenziert als irgendwelche Wîrtêbergar wahrgenommen. Rein theoretisch müsste das Landesbewusstsein die württembergischen Allgäuer sogar dazu anhalten, sich Kurpfälzern oder Franken aus dem Taubergrund mehr verbunden zu fühlen als ihren unmittelbaren Nachbarn ous 'm Boirischê.

Und wenn ein Westallgäuer in seinem Landratsamt in Lindau etwas zu erledigen hat, muss er zwangsläufig sein Allgäu vorübergehend hinter sich lassen. Denn es lässt sich kaum leugnen, dass trotz sehr enger Beziehungen zum Allgäu das bayerische Bodenseegebiet doch eine ganz andere Landschaft mit einem wesentlich milderen Klima darstellt. Und von dieser anderen Landschaft sind auch die Bewohner, d' Seehasê, deutlich geprägt.



Im Land der Bayern

Dem in territorialer Hinsicht ziemlich beengt lebenden Westallgäuer wird aber seit gut 200 Jahren immer wieder gesagt, dass es kaum ein größeres Glück geben könne, als im Land der Bayern leben zu dürfen, über welches sich permanent der weiß-blaue Himmel spanne und über dessen weiten Gauen Gottes Segenshand ruhe. Und dieses von außen vermittelte Gefühl haben die meisten bayerischen Allgäuer auch schon weitgehend verinnerlicht. Sie nehmen auch gerne für sich in Anspruch, als die echten Allgäuer zu gelten, und so ignorieren sie – manchmal sogar bewusst – ihre Allgäuer Brüder und Schwestern von jenseits der württembergischen Grenze.


Gespaltene Identität mit Folgen

In ihrem Stolz und Selbstbewusstsein geben sich die bayerischen Allgäuer auch gerne dem Trugschluss hin, sie seien etwas ganz Besonderes, gar ein eigener Stamm. Dies verführt sie wiederum dazu, sich von ihren schwäbisch-alemannischen Stammesbrüdern zu distanzieren und ziemlich verächtlich auf alles Schwäbische herunter zu schauen, womit sie aber ihre eigenen Wurzeln verleugnen. Stärker als die Stammes-Bindung nach Westen und Norden wiegt für die meisten heutigen Allgäuer der bayerische Staatspatriotismus. Dies ist wohl mit ein Grund dafür, dass sie sich in sprachlicher und volkskultureller Hinsicht immer mehr an München und Alt-Bayern orientieren und unnötigerweise viel von dort imitieren. Langfristig verliert aber so das bayerische Allgäu viel von seinem ursprünglichen Charakter und seiner Eigenart. Und so braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn dieser schöne Flecken Erde von außen zunehmend als bloßes Anhängsel des oberbayerischen Alpenrandes wahrgenommen wird.


Bayern - Heimatland?

Als Allgäuer im Freistaat Bayern

Ein Verhältnis mit Kratzern


Es gab während meines Aufwachsens in einem Westallgäuer Dorf nichts, was meine Loyalität zum Freistaat Bayern hätte relativieren oder gar untergraben wollen. Der Begriff Bayern war bei uns zu keiner Zeit negativ besetzt. Ganz im Gegenteil: Nummernschilder mit AB für Amerikanisch Bayern trugen die frühesten Autos, die ich erlebt habe. Damit verbunden war bereits eine positiv einge­schätzte Zuordnung, weil innerhalb meiner Heimatgemeinde damals die meisten Autobesitzer unter französischem Besatzungsstatut standen.


 Bayernvolk oder Bruderstamm

In der Volksschule wurde bayerisches Heimatgefühl massiv an uns herangetragen. So lernten wir im Gesangsunterricht auch selbstverständlich den Text beider Strophen der Bayernhymne auswendig, die man gewöhnlich "Nationalhymne" nannte . Damals stellte ich mir natürlich noch nicht die Frage, wie ich denn für mich die zweite Strophe interpretieren solle, ob ich voll und ganz zum Bayernvolke zähle oder ob ich mich doch eher einem der Bruderstämme zugehörig fühlen solle. Vermutlich hat sich außer mir noch niemand an der mangelnden Logik des Liedtextes gestört, welcher die fremdstämmigen Bayern eindeutig ignoriert oder diskriminiert. 

 

Die Rolle der Schulen


In meiner Erinnerung haften noch die damaligen Lehrbücher, besonders die Lesebücher, die neben deutscher Vaterlandsliebe mindestens ebenso stark bayerischen Patriotismus vermittelten. Wo der Inhalt in diesen Lesetexten lokales Kolorit annahm, war er eindeutig altbayerisch und ost-alpenländisch geprägt. Und wenn darin von der Standardsprache abgewichen wurde, geschah dies fast aus­schließlich zugunsten des Bairischen. Ich wage hier einfach mal die Behauptung, dass es den heutigen Lehrmedien im Freistaat nach wie vor an der gebotenen regionalen und regionalsprachlichen Ausgeglichenheit mangelt. 
Eine konsequente Distanzierung vom bayerischen Sprach-Zentralismus erlebte ich erstmals in der Berufsschule und später in der Land- und Alpwirtschaftsschule in Immenstadt. Dort legte man nämlich großen Wert darauf, dass es bei uns im Allgäu keine Almen, sondern nur Alpen gebe. Diese Sprachregelung, die sich offensichtlich damals schon gegen einen starken Trend wendete, hat in mir offensichtlich eine Sensibilisierung bewirkt, sodass ich heutzutage, viele Jahrzehnte danach, Alm immer noch als ein herausragendes Reizwort betrachte. Denn inzwischen führe ich immer wieder diese fremden Almen als Beispiel für die intensive sprachliche Bajuwarisierung im Allgäu und im übrigen Bayerisch-Schwaben an, welche die Betroffenen selbst kaum wahrnehmen und gegen die sie sich auch keinesfalls wehren. 

Wie eine Kassandra

 Ich selbst stecke nämlich – ob ich es will oder nicht – schon seit vielen Jahren in der Rolle einer Kassandra, die beispielsweise mit ihren ständigen Hinweisen auf bajuwarisch-folkloristische Speisekarten (Schmankerl, Würstl, O'batzta, Haferl, Glasl, Stamperl) oder auf Namen von Gasthäusern (Stüberl, Stub'n, Häusl, Platzl) gerne Wirte nervt und immer wieder Medienvertretern eine Mitschuld am Identitätsverlust im Allgäu und im übrigen Schwaben anlastet. Allerdings blieb das weitgehend ohne erkennbare Wirkung (vgl. dazu auch meinen Beitrag in  www.im-allgaeu-daheim.de/allgaeuer-dialekt-1/). 


Tiefe Kratzer mit Langzeitwirkung

 Mein permanenter Widerstand gegen die Überflutung aus Altbayern und gegen die gängige Gleichsetzung von Bayern mit Altbayern hat mit der Zeit in mir auch eine Veränderung meiner Einstellung und Sympathie bewirkt. Das früher so uneingeschränkt und unhinterfragt positive Verhältnis zum Freistaat Bayern und zu allen Eigenschaften, die sich mit Bayern in Verbindung bringen lassen, hat Kratzer bekommen, tiefe Kratzer sogar. Hinzu kommt eine tiefe Abneigung gegen das Mir-san-mir-Gehabe, das sich offensichtlich mit der zunehmenden wirtschaftlichen Prosperität verstärkt. Mir scheint, dass der früher im Norden und Westen Deutschlands beheimatete Dünkel und die Besserwisserei sich schon längst nach (Alt-)Bayern verlagert haben. Deshalb distanziere ich mich auch nach Möglichkeit von diesem Ungeist, so wie ich auch sehr darauf bedacht bin, auf schablonenartige Äußerungen von Bayerntümelei (Weißwurst-Äquator) zu verzichten. Auch der so halb-ernst von einem bayerischen Patrioten als Pflichtübung abverlangten Beschimpfung der Preußen – wen auch immer man damit meint und treffen will – verweigere ich mich schon seit vielen Jahren. 


Fazit: Heutzutage sehe ich mich zwar immer noch als loyalen Bürger des Freistaates Bayern, dennoch bin ich schon längst nicht mehr gewillt, zugunsten dieser administrativen Loyalität meine alemannisch-schwäbische Identität hintanzustellen. Leider muss ich jedoch vermuten, dass meine Mitbürger im bayerischen Allgäu diese Einstellung mehrheitlich nicht teilen, dass sie vielmehr primär auf ihre bayerische Staatszugehörigkeit stolz sind und dies auch gerne unmissverständlich kundtun. Viele von ihnen grenzen sich sogar ostentativ von ihren stammverwandten schwäbischen Nachbarn im Westen und Norden ab, womit sie, vermutlich unbewusst, ihre eigenen Wurzeln verleugnen. Ein besonders schmerzlicher Tiefpunkt war für mich, als ein von mir ansonsten geschätzter Kabarettist aus dem Oberallgäu mit seinem Schwabenlied regelrecht zur Jagd auf seine Stammesbrüder blies und dafür vom betroffenen Publikum viel Applaus erntete. Solche Anzeichen von nicht mehr erkanntem Identitätsverlust muss ich wohl oder übel zur Kenntnis nehmen. 

Mehr zu diesem komplexen Thema findest du in meinem Buch "Herbststimmung - Erinnerungen und Gedanken eines Allgäuers" (ISBN  978-3-347-23227-3)

Oktober 24, 2023

Ein Allgäuer auf Goethes Spuren

Meine Italienische Reise


Zugegeben: den literaturhistorischen Bezug habe ich erst nachträglich konstruiert. Denn damals - im August des Jahres 1970 - hatte ich noch nicht an den Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe gedacht, als ich als 22-Jähriger eines Morgens vollkommen untrainiert und schlecht vorbereitet mit einem eher untauglichen Fahrrad zu meiner Italienischen Reise aufbrach.  

Bereits vor Bregenz stellten sich bei mir erhebliche Erschöpfungsgefühle ein, die ich nur  überwinden konnte, weil ich mir die Blamage eines frühen Aufgebens auf keinen Fall anhängen lassen wollte. Und danach ging es auch ziemlich problemlos über Dornbirn, Feldkirch, Liechtenstein und Chur in das hintere Rheintal. Thusis heißt der Ort, in dem ich mir in einem Kolpinghaus Unterkunft verschafft und wohl noch eine Suppe geleistet habe.


Meine TransAlp führt zu Don Camillo

Am zweiten Tag ging es durch die Via-Mala-Schlucht noch ziemlich mühelos hoch zur Walser-Siedlung Splügen, wo aber die Tortur begann. Denn verdammt heiß brannte die Sonne herunter, als ich mein beladenes Rad weitere 700 Höhenmeter zum Splügen-Pass hinaufschob. Doch noch vor dem Höhenscheitel zog sich der Himmel zu und ließ gar einen kurzen Schauer fallen. Wie gut, dass nur noch eine lange Abfahrt zu dem um 1800 Höhenmeter tiefer gelegenen Talboden des Comer Sees bevorstand! Falsch gedacht: denn mein nur mit kraftlosen Felgenbremsen ausgestatteter Halbrenner versagte mir seine Dienste, als eine Befestigungsplatte an der Rahmengabel abbrach und so die hintere Bremse ganz ausfiel. Mit einem Strick konnte ich nur noch Schutzblech und Gepäckträger notdürftig hochbinden. An eine Abfahrt auf der engen und steilen Kurvenstrecke war also nicht mehr zu denken. 
Aber auch diese Situation ließ sich bis zum Abend überstehen. Wie gerufen stand am Weg zwischen Chiavenna und dem Comer See ein Stadel, in dem ich mich ausgehungert und todmüde zur Ruhe legen wollte. Doch ein Schwarm aggressiver Mücken zwang mich, überstürzt wieder zusammenzupacken und im nächsten Dorf irgendeine Unterkunft zu suchen. Ich wundere mich heute immer noch über meine damalige Courage, denn ich läutete tatsächlich im Pfarrhof. Keineswegs begeistert zeigte sich der Gottesmann – nicht wirklich von der unkomplizierten und zupackenden Art eines Don Camillo –, als ich ihm meinen Wunsch darlegte, irgendwo im Pfarrhof auf dem Boden schlafen zu dürfen. Aber ganz abweisen wollte oder durfte er mich offensichtlich auch nicht. Zwar nicht im geräumigen Pfarrhof, wohl aber in einer Abstellkammer neben der Sakristei durfte ich meinen Schlafsack am Boden ausrollen. Hier störten keine Mücken den verdienten Schlaf, und auch keine von diesen ominösen armen Kirchenmäusen wagte es, an meinen Füßen zu knabbern. 


Nicht jede Protektion ist hilfreich

Am dritten Tag konnte mir vor Bérgamo ein Dorfschmied die wichtige Befestigungsplatte wieder anschweißen. Am Abend versuchte ich dann in Bréscia erstmals mein Glück mit einer Adressenliste vermeintlich wohlwollender Bekannter unseres Schuldirektors. Ich sollte mich nur als uno studente tedesco di Baviera vorstellen und das Zauberwort Dottore Baum hinzufügen, um wie selbstverständlich Nachtmahl und Unterkunft angeboten zu bekommen. In Bréscia, wie übrigens auch in fast allen folgenden Orten, hatte man jedoch die gute Bekanntschaft zu einem Dottore Baum offensichtlich schon längst vergessen (oder nur geleugnet?). Jedenfalls bekam ich beim hoffnungsvoll angesteuerten Kloster nur einen Gutschein ausgehändigt für eine Unterkunft in einem kommunalen Obdachlosen-Asyl. Dort nahm man mir sofort mein Gepäck ab und händigte mir dafür Seife, Handtuch und wohl auch Bettwäsche aus. Noch ziemlich lebhaft erinnere ich mich an die Nacht im riesigen Schlafsaal, wo noch bis ziemlich spät immer wieder arg abschreckende Männergestalten eintrafen. Der Lärm und die Alkoholwolke, die sie um sich verbreiteten, förderten nicht gerade meinen Schlaf. 

Nach der unspektakulären Durchquerung der Poebene quälten mich  im Ostello per la gioventù voParma wieder aggressive Mücken. Der Apenninen-Pass danach erreicht kaum mehr als 1000 Meter, dennoch macht er in der sommerlichen Hitze einem Radfahrer unerwartet zu schaffen. In Lérici stand ich dann erstmals vor dem Mittelmeer. Dort nutzte ich die Ruinen einer Burg als mein Nachtquartier.

Die sechste Etappe entlang der flachen Küste von Carrara und Massa bis Pisa wäre eigentlich recht erholsam gewesen, wenn sich damals nicht schon der Schmerz in einem Knie so unangenehm bemerkbar gemacht hätte und eine gewisse Beunruhigung auslöste. Das nur heimlich erwogene Reiseziel Rom durfte ich daher getrost vergessen. 


Vor einem Weltwunder stehen dürfen

Was
Pisa echten Kunstkennern bietet und was es bildungsbürgerlichen Reisenden an Abhak-Genugtuung bereiten mag, konnte ich damals nicht klar beurteilen. Für mich, den Allgäuer Bauernbub ohne einen erlernten Bezug zur Architekturgeschichte, war es schlicht und einfach ein unwahrscheinlich schönes Gefühl, persönlich vor diesem schiefen Turm zu stehen und feststellen zu können, dass seine Geneigtheit nicht etwa mittels fotografischer Tricks auf jene Bilder gekommen war, die ich zuvor schon vielfach gesehen hatte. Meine erste reale Begegnung mit einem Weltwunder.   



In der stolzen Metropole der Toskana war es dann höchste Zeit für eine vernünftige Unterkunft. Denn nicht nur mein angeschlagenes Knie bedurfte dringend der Erholung, auch der Darm verlangte nach aufmerksamer Pflege, hatte er doch schon seit mehreren Tagen jene Tätigkeit verweigert, die man täglich, gewöhnlich nach dem Frühstückskaffee, wie selbstverständlich von ihm erwartet. Mein erster Gang in Florenz führte daher in eine Farmacía, wo ich etwas tabuisierend mein Problem schilderte und schließlich auch eine Abhilfe ausgehändigt bekam, welches jedoch nicht schnell genug half. Also holte ich mir das nämliche Remedium auch noch aus einer anderen Apotheke. Dass dies dann wiederum des Guten zu viel war und ich für viele Stunden dringend auf die unmittelbare Nähe einer bestimmten Örtlichkeit angewiesen war, brauche ich hier nicht weiter zu erläutern. Die Santa Maria dei Fiori mit dem Battisterio, der Ponte vecchio und all die vielen anderen Sehenswürdigkeiten dieser ungewöhnlichen Stadt mussten noch ein bisschen warten.
Als nach drei Tagen das Wichtigste gesehen und Knie und Darm wieder zur Ruhe gekommen waren, trug mich der sportliche Ehrgeiz gar bis Ravenna, ins ehemalige Zentrum der Ostgoten, wobei eine Tagesleistung von gut 170 Kilometern inklusive einer Apenninen-Überquerung zustande kam.  


Venezia - ganz anders erlebt

Die nur gut 150 km von Ravenna bis Venedig, zur Gänze in der großen Ebene von Po, Etsch und Brenta, wären sicher unproblematisch gewesen, hätte nicht ein steifer Gegenwind aus dem Norden so unheimlich gebremst. Dennoch schaffte ich es, radelte entsprechend stolz über die große Lagunen-Brücke und erkundigte mich dann nach jener Piazza, wo der Konvent der Suore tedesche beheimatet sein sollte – wieder so eine Adresse von Doktor Baum. Ganz hinten, am Ende der Lagunenstadt, erklärte man mir. Also schob ich das bepackte Rad durch die engen und vollen Gassen, trug es über viele Brücken und kam schließlich an besagtem Platz an, wo aber jene deutschen Schwestern nicht anzutreffen waren. Schließlich erinnerte sich ein älterer Handwerker, dass diese Schwestern schon viele Jahre zuvor von dort weggezogen seien und nun wohl in der Nähe der Anlagestelle zur Insel Giudecca untergebracht sein müssten, also genau am anderen Ende. Dort konnte ich die Schwestern tatsächlich ausfindig machen, und sie gewährten mir gegen Bezahlung auch Unterkunft. Sie hatten sich auch an jenen Doktor Baum erinnert, ließen aber erkennen, dass sich ihre Wertschätzung für ihn sehr in Grenzen hielt. 

Über Padua, das mir schon seit frühester Kindheit als Wirkungsort des Heiligen Antonius sehr bekannt war, und Verona mit seiner Arena, gelangte ich nach Trient, wo ich Unterkunft in einer von einem offenriechlichen Alkoholiker geführten Jugendherberge fand. 


Wenn es Richtung Heimat geht, ...

… beschleunigen sich gewöhnlich die Schritte. So ließ ich auf dem Weg in den Vinschgau Bozen einfach ungesehen rechts liegen. Nach Meran schob ich mein Rad an der Forst-Brauerei vorbei hinauf ins obere Etschtal. Dort kaufte ich mir am Wegrand eine größere Portion Klaräpfel und verschlang sie alle, was wohl keine gute Idee war. Aber die böse Wirkung setzte erst in der folgenden Nacht mit voller Wucht ein, in Burgeis, am Fuß des Reschenpasses, wo ich mir noch einmal ein richtiges Zimmer geleistet hatte. Allerdings sah ich mich einen Großteil der Nacht an eine Sitzschüssel in einem außerhalb des Zimmers liegenden Kleinraum gefesselt. 

Ziemlich entkräftet begann ich am nächsten Tag den Anstieg zum Reschenpass, vorbei an einem von Mussolinis Ossari, die an diesen Alpenübergängen gegenüber den aus dem Norden anreisenden Barbari den mit hohem Blutzoll erworbenen Anspruch Italiens auf die heilige Grenze am Alpenhauptkamm unterstreichen. Ohne wirklich die Würde des Ortes missachten zu wollen, überkam mich genau in der Kurve um dieses Gebeine-Denkmal herum wieder ein dringendes Bedürfnis nach Entleerung, dem ich einfach nicht länger widerstehen konnte und nachgab. Mag mir die Repùbblica Italiana verzeihen. 

Damit gab sich dann auch mein Körper wieder versöhnt, und er gewann wieder an Kraft, als der Reschenpass geschafft war und die Abfahrt ins obere Inntal und weiter bis Landeck anstand. Beschwerlich wurde es dann erst wieder auf der erneut ansteigenden Strecke dem Arlberg zu. Weil aber die nahe Heimat eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausübte, stellte ich jeglichen Ehrgeiz hintan und machte noch vor St. Anton auf Autostopp. Und es klappte, sogar besser als erwartet. Denn der Möbelwagen aus dem Ländle, in dem man sich meiner erbarmte, fuhr über den Arlberg bis weit ins Rheintal hinaus, fast bis Dornbirn. Somit war ich dann ja schon fast daheim, gemessen an der hinter mir liegenden Distanz. In Bregenz wäre allerdings die Plagerei noch einmal losgegangen, denn mehr als 400 Höhenmeter vom Bodensee ins obere Westallgäu hinauf lagen vor mir. Wenn man aber einmal das Schamgefühl übergangen hat, scheut man sich auch kein zweites Mal mehr, schon gar nicht dann, wenn sich der bequemere Weg geradezu aufdrängt. Fuhr doch vor mir auf der Bergstrecke gegen Langen ein Traktor mit Heu-Anhänger, von dem ich mich ein gutes Stück des Anstiegs hochziehen ließ. 

So war ich knapp zwei Stunden später daheim, wo niemand auf die Idee kam, mich für meine Leistung zu bewundern oder mich hochleben zu lassen. Und es fragte auch niemand genauer nach, wie weit ich gekommen war und wie anstrengend die Tour für mich gewesen sei. Ich war halt für knapp drei Wochen in Italien gewesen und war nun wieder da, basta!  

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 Eine ausführlichere Beschreibung dieser und weiterer Radreisen findet ihr in meinem Buch "Herbststimmung - Erinnerungen und Gedanken eines Allgäuers" (ISBN  978-3-347-23227-3).     





 


Nationale Identität

"Ich bin Deutscher" 

Meine Nationale Frage


Schon vielfach in meinem Leben habe ich mich bei Behörden und Grenzkontrollen als Deutscher ausweisen müssen. Und mit dem Satz Ich bin Deutscher habe ich mich immer wieder zu einem Staatswesen bekannt, dem in meinen frühen Jahren noch die Souveränität vorenthalten war und das 1990 plötzlich einen wesentlich größeren Umfang annahm, ohne dass ich dazu irgendetwas beigetragen hätte oder dass ich um meine Zustimmung gefragt worden wäre. Das Staatsvolk, zu dem ich mich immer loyal zugehörig gefühlt hatte, war plötzlich von etwa 64 auf 82 Millionen Bürger angewachsen. Dabei habe ich viele Jahre meines Lebens mit dem Begriff und der Vorstellung von der deutschen Nation gerungen und gekämpft, und lange Zeit wollte ich mich auch nicht mit dem Ergebnis der kleindeutschen Weichenstellung von 1848 abfinden, als Österreich aus dem nationalen Einigungsprozess ausgeschlossen wurde. Entsprechend schwer tat ich mir bei der Suche nach meiner nationalen Identität. 



"Unsere Brüder und Schwestern" - welche?


Den Schmerz über die territoriale Amputation und Teilung Deutschlands nach der Niederlage von 1945, der von uns Nachgeborenen fast obligatorisch als nationale Empfindung abverlangt wurde, konnte ich wohl immer nur bedingt teilen. Das heißt keinesfalls, dass ich die aus Vertreibung und Trennung resultierenden Einzelschicksale nicht hätte mitempfinden können. So habe ich als 13-Jähriger den Mauerbau mit sehr großer Empathie verfolgt, und ich kannte auch in den Jahren danach die Verhältnisse in Berlin und an der innerdeutschen Grenze ziemlich genau. Dennoch regte sich in mir schon früh eine gewisse Skepsis gegen das phrasenhafte Dogma von der notwendigen Wiedervereinigung unseres Vaterlandes. Und zunehmend wurde es für mich schwierig einzusehen, warum die Menschen jenseits der neuen Grenze, von vorneherein meine Brüder und Schwestern sein sollten und mir näher stehen sollten als die Menschen jenseits der mir so nahen Südgrenze der Bundesrepublik. Warum meine unmittelbaren Nachbarn, die ebenfalls dieselbe Sprache, teils sogar denselben alemannischen Dialekt sprechen, Angehörige einer ganz anderen Nation sein sollten, wollte mir in meiner Jugendzeit einfach nicht einleuchten. Und diesen Widerspruch von obligatorischem Nationalempfinden gegenüber der DDR einerseits und dem Ignorieren der Gemeinsamkeit mit Österreich, mit Südtirol und teilweise auch mit der Schweiz andererseits, wollte ich immer weniger hinnehmen.



Lange Zeit auf das Ethnische fixiert


Für mich stellte sich daher die nationale Frage damals ganz anders als für die offizielle Bundesrepublik, und so löste ich diese Frage für mich privat mit folgender Sichtweise: Deutschland war für mich kein Staatsgebiet, sondern ein Sprach- und Kulturraum. Folglich gab es mehrere deutsche Staaten, zu denen ich wie selbstverständlich auch Österreich zählte. Und weitere deutsch-sprachige Menschen lebten zusammen mit Bürgern anderer Zunge in gemischt-ethnischen Ländern, sei es problemlos wie in der Schweiz als Teil der eidgenössischen Willensnation, sei es als mehr oder weniger respektierte Minderheiten wie in Südtirol oder Rumänien, sei es gar wie im Elsass, wo die Menschen die deutsche Sprache nur noch teilweise in Form des Dialektes bewahrt hatten und keinerlei Gefühl von Verbundenheit mit einem Deutschland mehr hatten oder haben durften. Weil es also mein Deutschland als Staat gar nicht geben konnte, identifizierte ich mich lange Zeit ganz stark mit der deutschen Nation, die ich als überstaatliche Sprach- und Kulturgemeinschaft definierte. Dieses Nationalbewusstsein auf ideeller Ebene erlaubte mir jedoch zusätzlich eine positive Identifikation mit der Bundesrepublik, die auf der Basis des Grundgesetzes ja gut funktionierte und die ich deshalb auch als liebenswertes Heimatland schätzte, was ich heutzutage als Verfassungs-Patriotismus begreife. Dennoch hatte ich noch mindestens bis 1990 ziemliche Schwierigkeiten mit dem Wort Deutschland im offiziellen Staatsnamen.
Störend an der für mich so einleuchtenden Konstruktion zur Bewältigung der nationalen Frage war nur die Tatsache, dass ich damit überall auf Unverständnis stieß. Mein ganzes Umfeld hatte – ohne sich wirklich Gedanken zu machen – das pragmatische Prinzip der Staatsnationen übernommen.
Und so ärgerte ich mich immer wieder, wenn etwa die westdeutsche Fußball-Elf unbedacht für sich in Anspruch nahm, für Deutschland zu spielen, wenn Politiker immer wieder die Stereotype von den beiden deutschen Staaten verwendeten, wenn in den von mir so intensiv rezipierten österreichischen Medien fleißig an der Entstehung und Festigung eines österreichischen Nationalgefühls gearbeitet wurde und wenn man in diesem Bemühen auch nicht auf Gehässigkeiten gegenüber dem ehemaligen großen Bruder verzichtete.



Akzeptierte nationale Identität

Inzwischen sind einige Jahrzehnte vergangen, und die weltpolitischen Gegebenheiten haben längst die so genannte Wiedervereinigung Deutschlands ermöglicht. Österreich ist ebenfalls EU-Mitglied und hat sich wirtschaftlich und emotional weiter zu einer respektablen Staatsnation emanzipiert. Die Tiroler an Etsch und Eisack haben sich, so meine Einschätzung, schon überwiegend innerlich mit ihrer italienischen Staatszugehörigkeit abgefunden. 


Der Lauf der Zeit hat auch mich zu einem abgeklärten älteren Mann werden lassen, der sich mit den geopolitischen Gegebenheiten arrangiert hat und der schon seit langem keinerlei Nähe mehr zu völkischem Gedankengut empfindet. Dennoch unterscheide ich weiterhin zwischen einem Staatsvolk und einer Nation, und den Begriff Nationalität verwende ich vorzugsweise nach mittel- und osteuropäischer Tradition in einem ethnischen Sinne, er ist für mich also keineswegs immer bedeutungsgleich mit einer administrativen Staatsangehörigkeit. Ich habe mir auch räumlich wieder eine neue Heimat im Allgäu in unmittelbarer Nähe zum Tiroler Außerfern ausgewählt und genieße dort beiderseits der kaum mehr spürbaren Grenze meinen Lebensabend. Fragen nach dem nationalen Empfinden sind längst in den Hintergrund getreten zugunsten von Fragen nach den regionalen und den dialektalen Identitäten, die sich über politische Grenzen legen. Und so schmerzt mich etwa der Verlust an alemannisch-schwäbischem Bewusstsein in meinem Allgäu und im nahen Westen Österreichs gleichermaßen, und ziemlich machtlos muss ich die schleichende Bajuwarisierung in meiner engeren Heimat beiderseits der nahen Staatsgrenze ertragen.